
Apotheken in Niedersachsen: Woher der Rückgang kommt
Der Rückgang der Apotheken in Niedersachsen hat eine lange Vorgeschichte, die weit vor den aktuellen Schlagzeilen beginnt. Wenn du verstehen willst, wie es dazu kam, lohnt ein Blick auf die Zahlen seit 2012 und auf die Gründe, die Apothekerkammer, Ministerium und Presse dafür nennen.
Auf einen Blick
- Anfang 2012 gab es in Niedersachsen rechnerisch rund 2.070 Apotheken, Ende 2025 waren es 1.622.
- Die Apothekerkammer nannte schon 2022 fehlende Fachärzte außerhalb der Zentren und den hohen Anteil des Rezeptgeschäfts als Gründe.
- Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi sieht besonders den ländlichen Raum unter Druck.
- Landapotheken liefern zunehmend Arzneimittel an ältere, immobile Menschen aus, ohne dafür bisher einen Ausgleich zu erhalten.
Wie hat sich die Zahl der Apotheken entwickelt?
Im ersten Beitrag dieser Reihe ging es um die aktuelle Lage: Ende 2025 zählte Niedersachsen 1.622 Apotheken. Um zu sehen, woher das kommt, hilft ein Blick zurück. Die Apothekerkammer Niedersachsen teilte im September 2022 mit, die Zahl sei seit Anfang 2012 um 294 auf 1.774 gesunken, ein Rückgang von 14 Prozent in gut zehneinhalb Jahren. Daraus ergibt sich rechnerisch ein Ausgangswert von rund 2.070 Apotheken zu Beginn des Jahres 2012. Das berichtete damals das Portal leinetal24.de.
Seitdem ging es weiter bergab, und zwar in überschaubaren, aber stetigen Schritten:
- Im ersten Halbjahr 2022 schlossen in Niedersachsen laut Kammer 32 Apotheken endgültig, eine Neueröffnung gab es nicht.
- Ende Juni 2024 zählte die Pharmazeutische Zeitung (PZ) 1.687 Apotheken, 23 weniger als zu Jahresbeginn. Bundesweit gab es laut PZ 17.288 Apotheken, 283 weniger als zum Jahresanfang, und in keinem der 17 Kammerbezirke stieg die Zahl.
- Für 2025 meldete die PZ ein Minus von 49 Apotheken und einen Bestand von 1.622 zum Jahresende. Daraus folgt für Ende 2024 ein Stand von 1.671.
Das Bild ist also nicht das eines plötzlichen Einbruchs. Es ist ein langsamer Schwund über mehr als ein Jahrzehnt, der sich in manchen Jahren beschleunigt hat. Im ersten Halbjahr 2022 fiel der Rückgang bundesweit größer aus als ein Jahr zuvor: Ende Juni 2022 gab es 18.256 Apotheken, 205 weniger als Ende 2021, bei 235 Schließungen und nur 30 Neueröffnungen. Auch das ist in der Berichterstattung von damals nachzulesen.
Welche Ursachen nennen Kammer und Landespolitik?
Ärzte ziehen in die Zentren
Ein Grund, den die Apothekerkammer 2022 nannte, hat mit der ärztlichen Versorgung zu tun. Fachärztinnen und Fachärzte sitzen heute häufiger in den Innenstädten als am Stadtrand oder in Dörfern. Apotheken außerhalb der Zentren erwirtschaften nach Angaben der Kammer rund 80 Prozent ihrer Einnahmen mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Fehlen die Praxen in der Nähe, fehlen auch die Rezepte, und der Standort trägt sich nicht mehr. Wirtschaftlich wichtig sind laut einer Kammersprecherin außerdem die Zahl der Einwohner im Einzugsgebiet, eine verkehrsgünstige Lage und die Zahl der niedergelassenen Ärzte vor Ort.
Kosten, Honorar und Nachwuchs
Als weitere Ursachen nannte die damalige ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening Inflation, steigende Personalkosten und Nachwuchsmangel. Der niedersächsische Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) argumentierte im Januar 2026 ähnlich. In einer Pressemitteilung des Ministeriums zur Bundesratsberatung über das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz nennt er steigende Betriebskosten, Inflation und nicht angepasste Abgabepreise für verschreibungspflichtige Arzneimittel als Gründe für sinkende Apothekenzahlen. Die Lage habe sich objektiv verschlechtert, was auch die Frage der Nachfolge erschwere. Das Packungsfixum sei „dringend notwendig“ anzuheben, um die wohnortnahe Versorgung zu sichern.
Warum trifft es den ländlichen Raum besonders?
Das Ministerium betont, dass für den ländlichen Raum die Höhe des Fixums über den Fortbestand der Versorgung entscheide. Dazu kommt eine Aufgabe, die in keiner Honorarordnung auftaucht: Landapotheken versorgen nach Angaben des Ministeriums zunehmend eine ältere und weniger mobile Bevölkerung per Lieferservice. Einen ausreichenden Ausgleich dafür gibt es bisher nicht. Wer in einem Dorf mit weiten Wegen lebt, kennt den Botendienst als Selbstverständlichkeit. Für die Apotheke bedeutet er Personal, Fahrzeuge und Zeit.
Beim Parlamentarischen Abend und Sommerfest des Landesapothekerverbands und der Apothekerkammer Niedersachsen Ende Juni 2026 in Hannover bedankte sich Philippi laut PZ ausdrücklich bei allen Beschäftigten, auch bei den Botendienstfahrern. Er sehe keine Effizienzreserven mehr bei den Apotheken und verfolge die anhaltenden Schließungen mit Sorge. Die Apothekenreform bezeichnete er als kritisch in einzelnen Punkten, aber auch als „wirkliche Chance“.
Warum Niedersachsen bei Zweigapotheken zurückhaltend ist
Ein Streitpunkt aus der Reformdebatte betrifft unmittelbar die Fläche. Niedersachsen lehnt laut Ministerium Erleichterungen bei der Eröffnung von Zweigapotheken entschieden ab. Zweigapotheken böten nur ein eingeschränktes Versorgungsspektrum. Philippi befürchtet, dass vor allem auf dem Land vollversorgende Apotheken aus Kostengründen in Zweigapotheken umgewandelt werden könnten. Auch Apotheken, in denen nicht ständig ein Apotheker oder eine Apothekerin anwesend sein muss, lehnt das Land ab, weil es Nachteile für Arzneimittelsicherheit und Beratung erwartet.
Was heißt das für die Region?
Die Entwicklung seit 2012 zeigt vor allem eines: Der Rückgang hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Weniger Praxen vor Ort, steigende Kosten, schwierige Nachfolge und zusätzliche Aufgaben wie der Botendienst treffen auf ein Honorarsystem, das nach Einschätzung von Kammer und Ministerium nicht mitgewachsen ist. Das bedeutet nicht, dass die Arzneimittelversorgung in Niedersachsen gefährdet wäre. Es bedeutet aber, dass sich die Struktur verändert, und zwar nicht überall gleich.
Für dich als Patientin oder Patient heißt das: Es lohnt sich, die Apotheken in deiner Umgebung zu kennen. Mit der Apothekensuche für Niedersachsen kannst du Apotheken in Niedersachsen auf der Karte finden. Falls du in einer der größeren Städte wohnst, findest du dort etwa die Apotheken in Braunschweig oder die Apotheken in Osnabrück. In kleineren Orten lohnt die Frage nach dem Botendienst direkt in der Apotheke.
Neu: So stand es im dritten Quartal 2026
Die Pharmazeutische Zeitung hat am 9. Oktober 2026 die Quartalszahlen der Apothekerkammern veröffentlicht. Für Niedersachsen meldet sie im dritten Quartal eine Schließung und eine Neugründung. Insgesamt gab es damit 1.616 Apotheken. Die Zahlen hat die Zeitung bei den Kammern abgefragt, nicht aus allen Ländern lagen sie zum Redaktionsschluss vor. Welche Standorte es aktuell in Niedersachsen gibt, siehst du auf der Karte mit allen Apotheken.
Quellen und weiterführende Links
- Apothekerkammer schlägt Alarm: weniger Apotheken in Niedersachsen (leinetal24.de, 04.09.2022)
- Apothekensterben in allen Bundesländern (Pharmazeutische Zeitung, 22.07.2024)
- Apothekensterben geht 2025 weiter (Pharmazeutische Zeitung, 09.01.2026)
- Gesundheitsminister Philippi mahnt grundlegende Apothekenreform an (Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, 30.01.2026)
- Philippi will sich weiter für Apothekenstärkung einsetzen (Pharmazeutische Zeitung, 24.06.2026)
- Trotz höherem Fixum: Apothekensterben hält auch im dritten Quartal an (Pharmazeutische Zeitung, 09.10.2026)
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